Montag, 14. September 2020

Innovationsforum Mobility 2020, Martin Erb: «Die Nutzung von Strom wird bei Fahrzeugantrieben dominieren»

 «Die Energieeffizienz des Elektromotors ist einfach überwältigend» - Martin Erb.

Mobilität und deren Elektrifizierung ist beim Thema Energiewende ein viel diskutierter Aspekt. Martin Erb, CEO vom Fuhrparkmanagement Alphabet, sagt im energate-Interview am Innovationsforum Mobility 2020, welche Kriterien Firmen für ihre Fahrzeugflotte anwenden. Und er erklärt, warum deutsche Autohersteller Batterien nicht selber herstellen können.

energate: Herr Erb, Alphabet übernimmt das Flottenmanagement für Firmen. Mit AlphaElectric können diese auch Elektroautos in die Flotte eingliedern. Wie gross ist das Interesse an AlphaElectric?

Erb: AlphaElectric ist ein Consultingansatz. Es ist ein sehr strukturiertes Produkt, das von uns, und vom Kunden, sehr viel Effort erfordert, damit es gut kommt. Deshalb bieten wir es nur ausgewählten Kunden an. Der Bedarf ist aber wesentlich grösser als unsere Kapazität. Insofern würde ich mir wünschen, wir hätten mehr Kapazität, um den Bedarf auch decken zu können, was derzeit nicht der Fall ist.

energate: Energieeffizienz ist gerade beim Strassenverkehr immer wieder ein grosses Thema. Wie nehmen Sie das bei Alphabet wahr? Werden besonders energieeffiziente Fahrzeuge vermehrt nachgefragt?

Erb: Energieeffizienz ist eines von verschiedenen Kriterien, nach denen die Firmen-Fahrzeuge ausgewählt werden. Aber sie hat je nach Anwendungsbereich eine mehr oder weniger grosse Bedeutung. Am Ende sind die Firmen bestrebt, möglichst kostengünstige Fahrzeuge zu haben. Kostengünstig heisst preiswert: Was ist der Anwendungsfall, was das Bedürfnis? Für dieses Bedürfnis möchten sie ihr Wunschfahrzeug zum besten Preis bekommen. Es kann aber auch sein, dass günstigere Lösungen verfügbar wären, die aber das Bedürfnis nicht vollumfänglich befriedigen. Und Energieeffizienz, um auf Ihre Frage zurückzukommen, ist ein Kriterium, aber nicht das primäre, welches wir wahrnehmen.

energate: Sie haben am Innovationsforum Mobility gesagt, dass Elektroautos ein schlechtes Businessmodell für Autohersteller sind, weil diese Batterien nicht selber produzieren können. Sollten diese das tun?

Erb: Die Frage ist ja im Grunde schon beantwortet, weil der führende Elektro-Autohersteller der Welt Batterien selbst produziert. Für Tesla ist die Batterieproduktion Teil des Geschäftsmodells, und er vertreibt die Batterien auch für andere Anwendungsfälle.

energate: Wenn die Lösung auf dem Tisch liegt: Warum machen das andere Hersteller nicht auch?

 Erb: Sie tun sich schwer damit, weil sie in diesem Segment keinerlei Erfahrung haben und dieses Knowhow erst aufbauen müssen. Sie müssen hohe Investitionen tätigen, um in die Produktion einsteigen zu können. Und das sind in der heutigen Zeit an ganz vielen Stellen hohe Hürden, bei denen sich die Frage stellt: Kann der Business Case am Ende aufgehen? Aber auch der Trend ist für mich eindeutig. Die Hersteller drängen in dieses Geschäft und wollen es integrieren.

energate: Was glauben Sie: Wird das Elektroauto eines Tages den Verbrenner verdrängen? 

Erb: Ja. Ob es das batterieelektrische Fahrzeug ist, würde ich offen lassen. Aber dass die Nutzung von Strom bei Fahrzeugantrieben in den nächsten Jahrzehnten dominiert, davon bin ich fest überzeugt. Die Energieeffizienz des Elektromotors ist einfach überwältigend.

Die Fragen stellte Michel Sutter, energate-Redaktion Olten

 

Montag, 7. September 2020

Innovationsforum Mobility - Experten sind skeptisch bezüglich Wasserstoff im Privatverkehr


Unter der Leitung von Morell Westermann (ganz links) diskutierten am Innovatiosnforum Mobility Hans Michael Kellner, Marco Piffaretti, Brian Cox und Bernhard Signer (v.l.) kontrovers zum Thema Wasserstoff.

Frau Delphine Morlier am Innovationsforum Mobility: «Elektromobilität ist nur ein Puzzlestück in der Mobilität der Zukunft»


Die Zahl der Elektroautos bei Neuwagen wächst. Delphine Morlier, Leiterin Mobilität beim Bundesamt für Energie (BFE), erklärt im energate-Interview am Innovationsforum Mobility am 27. August 2020, was aus ihrer Sicht noch fehlt, damit noch mehr Autofahrer auf Elektroautos umsteigen und warum der Bund im Individualverkehr auf Elektromobilität fokussiert.

Innovationsforum Mobility – ein Blick in die Zukunft (ein Beitrag von eco2friedly)


Am Innovationsforum Mobility zeigten im GDI in Rüschlikon verschiedene Referenten auf, wohin die Reise bei der Mobilität geht. 
 

Der Anteil an Elektroautos im Markt nimmt zu. Und das ist gut, denn Elektrofahrzeuge machen auch ökologisch Sinn, gemäss umfassenden Studien, welche Dr. Brian Cox, Infras, vorstellte. Bei uns in der Schweiz wird die Elektromobilität noch zu wenig gefördert, da sind sich die Referenten einig. Dank der guten Kaufkraft in der Schweiz werden Steckerfahrzeuge aber trotzdem stark zulegen. Elektromobilität heisst jedoch nicht einfach, ein neues Fahrzeug zu kaufen, es ist ein Systemwechsel (Delphine Morlier, Bundesamt für Energie, BFE). Mit der Roadmap Elektromobilität versucht das BFE zusammen mit über 50 Unternehmen bis 2022 mit verschiedenen Massnahmen eine Zunahme der Elektrofahrzeuge um 15 Prozent zu erreichen. Andere Länder zählen zusätzlich zur Förderung auf weitergehende Massnahmen, so sind zum Beispiel in Norwegen ab 2025 keine fossilen Antriebe mehr neu zugelassen, weitere Länder wie Schweden und Dänemark folgen mit dieser Taktik. 

Fahrzeuge teilen

Fahrzeuge zu teilen, wird ebenfalls ein wichtiges Thema in der künftigen Mobilität. Einen interessanten Ansatz hierzu bieten die Pläne einer Vollelektrifizierung der Mobility-Flotte (Roland Lötscher, Mobility Car Sharing). Autonomes Fahren wird weiterentwickelt. Aber obwohl die Fahrzeuge technisch bereits so weit sind, gibt es verkehrstechnisch noch Herausforderungen. Zudem müssen auch noch Fragen bezüglich der Versicherung geklärt werden.

Senkung der CO2-Werte

Dass die Elektromobilität ein wichtiger Beitrag zur Senkung der CO2-Werte leisten wird, sind sich alle Referenten einig. Das Ziel, die Emissionen per 1. Januar 2020 auf 95 Gramm CO2 zu senken, wie es die Energiestrategie verlangt, wurde jedoch nicht erreicht. Zahlungen von hohen Bussen sind die Folge (Andreas Burgener, Auto Schweiz).

Blick in die Zukunft

In Zukunft werden Drohnen einen wichtigen Platz einnehmen (Morel Westermann). Bereits 170 Firmen widmen sich der Entwicklung des sogenannten VTOL (Vertical Take-off and Landing), das sich innert weniger Jahre vom Spielzeug zum Personentransportmittel entwickelt hat. Die Flugobjekte werden autonom unterwegs sein, da sie von einem Piloten gar nicht mehr gesteuert werden können. Die Form der Flugobjekte und die Antriebe, die nicht mehr wie bei Flugzeugen an den vorgegebenen Stellen der Flügel sind, ergeben einen enormen Effizienzgewinn. Drohnen werden vor allem in Städten und Agglomerationen Sinn machen. Ab 2025 sollen erste Flugtaxis unterwegs sein, ab 2035 bereits 23’000 Einheiten, der Markt im Jahr 2035 hat ein Potenzial von 32 Milliarden US-Dollar.  

Die Zukunftsstadt 2050 stellt sich Martin Erb, Alphabet Fuhrparkmanagement (Schweiz) AG, digitalisiert vor. Viele Grünflächen, Plätze mit Cafés, eine Seilbahn befördert Waren und Menschen, Drohnen in der Luft entlasten den Verkehr. Die Fahrbahnen und Geschäfte sind unter der Erde und lassen die Erdoberfläche für die Menschen wieder frei. Es gibt einen offenen digitalen Marktplatz für die Mobilität mit Autos, Taxis, Bikes, Scooter bis zu den ÖV. Jeder Interessent darf sich mit seinem Fahrzeugangebot an den digitalen Marktplatz anschliessen, es herrscht ein freier Wettbewerb. Es gibt keine Exklusivität, die Ausgestaltung des Marktplatzes soll gemeinschaftlich erfolgen. 

Mit welchen Energieträgern in die Zukunft?

In der spannenden Podiumsdiskussion wurde dann darüber diskutiert, welcher Energieträger künftig das Rennen in der Mobilität macht. Ob es Strom oder Wasserstoff sein wird, war man sich nicht ganz einig – die Zukunft wird es zeigen. 

Das nächste Innovationsforum Mobility findet am 8./9. Juni 2021 statt.

Redakteurin: Judith Brandsberg, eco2friendly

Montag, 17. Februar 2020

10. Innovationsforum Energie - Innovationen, Lösungen und Kulturwandel auf dem Weg in die Energiezukunft

Am 19. und 20. März 2020 treffen sich wieder die Innovationsleader, Marktakteure und Entscheidungsträger aus dem Schweizer Energiesektor an der 10. Jahrestagung Innovationsforum Energie, um sich über die aktuellen Entwicklungen, neue Ideen und Geschäftsmodelle für die Energiezukunft auszutauschen. Im Fokus dieses Anlasses stehen neben aktuellen Praxiserfahrungen auch spannende Diskussionen zu Themen wie Digitalisierung, Dezentralisierung, Dekarbonisierung und künftige Wertschöpfung sowie der erforderliche Handlungsrahmen.
Weitere Themenschwerpunkte sind:

  •    Konvergenz der Systeme – Gebäude, Energie, Wärme, IKT
  •    Innovationen – Neue Technologien, Geschäftsmodelle und Kultur
  •    Wo geht die Reise hin im Schweizer Gasmarkt
  •    Technologische Disruptionen in der Energiebranche
  •    Praxiserfahrungen mit neuen Geschäftsmodellen
  •    Smart Meter Rollout, Data Hub, Big Data und Analytics
  •    Wertschöpfung bis wohin? – Schnittstelle Gebäude
Der erste Keynoter, Prof. Timo Leukefeld, baut mit seinen Konzepten von vernetzten energieautarken Gebäuden auf den kostenfreien und krisensicheren «Rohstoff Sonne». Zum einen zur Eigenversorgung mit Strom, Wärme und Mobilität, zum anderen als Geschäftsmodell für Wohnungswirtschaft, Banken und Energieversorger. Er beantwortet die Fragen: Ob und wie ein Haus vollständig ohne Anschlüsse an das öffentliche Energieversorgungssystem auskommt? Ist das sinnvoll? Wie muss es konzipiert sein, um sich energetisch selbst zu versorgen? Timo Leukefeld zeigt neue Wege im Umgang mit Ressourcen und Energie: Weg von dem Verbrauch endlicher Rohstoffe hin zu einer zukünftigen Kultur des Gebrauchens. Nicht das schlechte Gewissen ist Dreh- und Angelpunkt seiner energetischen Konzepte, sondern die kluge Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Mit der Konsequenz, dass nicht Verzicht im Vordergrund steht, sondern intelligente Verschwendung! Mehr noch: Seine innovativen Lösungen teilen langfristig den Nutzen mit der Allgemeinheit.

Wir haben noch eine weitere Keynote für den ersten Tag geplant:

«Do’s and Don’ts» für Innovationen im Zeitalter der digitalen Transformation
  • Was macht gelungene Innovationen aus?
  • Wo liegen die Stolpersteine im Innovationsmanagement, im Innovationsprozess und im Arbeiten mit Start-ups?
  • Zehn Erfolgsfaktoren zur Steigerung der Innovationsfähigkeit
René Cotting, Head of Operations, Innovation und R&D, ABB-Gruppe

Neben möglichen Lösungsansätzen werden vor allem praktische Erfahrungen beleuchtet und diskutiert, um innovative Antworten auf die Herausforderungen in der Energiewirtschaft zu geben.
In der begleitenden Fachausstellung haben die Teilnehmenden die Möglichkeit Lösungen, Produkte und Dienstleistungen innovativer Unternehmen zu vergleichen.

Ausführliche Informationen finden Sie unter www.innovationsforum-energie.ch.



Donnerstag, 28. November 2019

Nachlese Instandhaltungsforum Schweiz

Am 21. November 2019 öffnete das Instandhaltungsforum Schweiz zum ersten Mal seine Tore in Zürich – moderiert von Herrn Prof. Lennart Brumby von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Mannheim. Die Fokusthemen Smart Maintenance, Digitalisierung und Predictive Maintenance versprachen eine spannende Veranstaltung.

In seinem Eröffnungsvortrag zur Digitalisierung in der Instandhaltung berichtete Prof. Brumby von den Chancen, Risiken und Grenzen der Smart Maintenance. Unter anderem betonte er die Bedeutung des Asset Managements als organisatorische Grundlage einer modernen Instandhaltung.  Gleichzeitig wies er darauf hin, dass in der Smart Maintenance der Mensch eine wichtige Schlüsselrolle einnimmt. Wissens- und Kompetenzmanagement sowie eine systematische Qualifizierung der Mitarbeiter rücken daher zunehmend in den Vordergrund.

Anschliessend zeigte Dr. Dominik Buss vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik aus Dortmund verschiedene Möglichkeiten zur smarten Ersatzteilbevorratung auf. Grundvoraussetzung hierfür ist allerdings ein gutes Stammdatenmanagement, am besten in einem zentralen IT-System mit geeigneten Klassifikationssystemen. Künstliche Intelligenz kann zukünftig dabei helfen, auch die Stammdaten der Ersatzteile aufzuarbeiten und somit die gesamte Ersatzteilbevorratung zu optimieren.

Franz Stieber von der ifm electronic GmbH beschrieb den gewünschten schnellen Weg der wesentlichen Instandhaltungs-Informationen vom Shop Floor auf die Managementebene. Dabei sind nach seiner Meinung kleine Schritte wesentlich erfolgreicher als eine sogenannte „grosse Lösung“.

Auch betonte Herr Stieber die systematische Datenerfassung und –pflege als Fundament der Smart Maintenance. Zur Reduzierung der Implementierungskosten empfiehlt er die Beteiligung an der IO-Link-Community, die sich mit der Standardisierung der Sensorik beschäftigt.

Aus Anwendersicht legte Patrick Steiger von der SWL Energie AG aus Lenzburg die Implementierung der Instandhaltungsplattform Inventsys in seinem Unternehmen dar und zeigte sehr anschaulich auf, wie damit Daten und Informationen aus unterschiedlichen Bereichen
zusammengeführt und für den Anwender auf einen Blick dargestellt werden können. Die Mitarbeiter erfahren nach Aussage von Herrn Steiger dadurch eine Freude am digitalen Arbeiten und schätzen die hohe Transparenz in ihrem Instandhaltungsgeschehen.

Nach der Pause, in der sich die Teilnehmenden des Instandhaltungsforums intensiv untereinander austauschen konnten, zeigte Thomas Zapp von der GreenGate AG, wie eine Massnahmenpriorisierung in der Instandhaltung mit dem System von GreenGate erfolgen kann. Eine
solche Priorisierung kann dann wiederum die Grundlage für eine optimierte Einsatzplanung der Mitarbeiter inkl. Routenplanung sein. Das System von GreenGate wird derzeit insbesondere bei der Instandhaltung von Offshore-Windenergieanlagen eingesetzt, ist aber ebenso gut auch beim Flottenmanagement einsetzbar.

Dr. Andrew Paice von der Hochschule Luzern beschrieb anschliessend die Potenziale und Wege der Predictive Maintenance. An einem Beispiel erläuterte er die Lebenslaufabschätzung von Transformatoren mit Hilfe der Predictive Maintenance. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist allerdings das Wissen über die jeweiligen Alterungsvorgänge, um diese entsprechend modellieren zu können. Innovative Technologien zur Datenerfassung und -übertragung begünstigen derzeit die Entwicklung neuer Predictive Maintenance Lösungen.

Das Vortragsprogramm wurde von Andreas Rosemann von der GIS aus Weinheim abgerundet. Seine Kernbotschaft „Digitalisierungsprojekte: Alleine packt man es nicht!“ wurde von allen Teilnehmenden geteilt. Am Beispiel der Inspektion von Rotorblättern bei Windkraftanlagen mit Drohnen und künstlicher Intelligenz konnte Herr Rosemann
sehr eindrucksvoll auch den wirtschaftlichen Nutzen einer solchen smarten Instandhaltungslösung darlegen. Durch die Einbindung von Dienstleistern werden so innovative Leistungen geschaffen, die eine klare Differenzierung von Wettbewerbern ermöglichen.

Zusammenfassend wurde in der Round Table Diskussion mit Dr. Andrew Paice, Andreas Rosemann, Patrick Steiger und Thomas Zapp gemeinsam mit den Tagungsteilnehmenden der aktuelle Wandel in der Instandhaltung diskutiert. Hierbei wurden u.a. Fragen zum sinnvollen Einstieg in das Thema Digitalisierung/Instandhaltung 4.0 erörtert und was die grössten Barrieren dabei sind. In einer regen Diskussion konnten auch die Teilnehmenden ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit der Digitalisierung in ihren Bereichen einbringen und mit den Referenten diskutieren.

Zum Ausklang des ersten Instandhaltungsforums Schweiz hatten die Teilnehmenden im Rahmen eines Apéro riche dann noch Gelegenheit, sich mit den Referenten weiter auszutauschen und wertvolle Kontakte für ihre eigenen Instandhaltungsprojekte zu knüpfen.

Diese Nachlese wurde vom Tagungsmoderator Prof. Lennart Brumby verfasst. Prof. Brumby hat den hochkarätigen Beiträgen und Diskussionsrunden einen optimalen Rahmen gegeben. Nicht zuletzt die produktiven Diskussionen und das ausgezeichnete Networking sowie die sehr gute Stimmung aller Teilnehmenden und Referenten rundeten den Erfolg der Tagung ab.

Das nächste Instandhaltungsforum findet am 26. November 2020 in Zürich statt. Informationen zu Agenda, Referenten und Anmeldung finden Sie unter www.instandhaltungsforum.ch.

Mittwoch, 20. November 2019

Nachlese Verteilnetzforum 2019

Am 13. November 2019 öffnete das Verteilnetzforum im Marriott Hotel in Zürich zum dritten Mal seine Tore. Mit gut 50 Teilnehmenden wurde erneut in offener und konstruktiver Atmosphäre über die aktuellen und künftigen Herausforderungen für Schweizer Verteilnetzbetreiber diskutiert. Die Schwerpunkte des diesjährigen Verteilnetzforums lagen bei der Strategie Stromnetze, dem Smart Meter Rollout, der Netzoptimierung mittels Flexibilitäten sowie dem Nutzen und Grenzen von Kooperationen für Verteilnetzbetreiber.

Dr. Mohamed Benahmed, Leiter Sektion Netze, BFE, stellte die zentralen Vorgaben aus der Strategie Stromnetze sowie deren Umsetzungsstand aus Sicht des Bundes vor.  Er wies dabei auf die aktuellen Herausforderungen mit dem Mehrkostenfaktor 2.0 im Verteilnetz, auf die Anwendung des NoVA-Prinzips und auf die Mehrjahresplanung hin. Zudem stellte er die Ergebnisse des Monitorings zur Energiestrategie 2050 vor. Dieses wurde über das bisherige Monitoring zur Netzentwicklung erweitert und umfasst neu auch Indikatoren zur Entwicklung in Richtung «Smart Grid». Gemäss der neusten Erhebung des BFE sind beispielsweise 14% aller installierten Messgeräte Smart Meter, wobei 86 Netzbetreiber in der Schweiz die Rolloutquote von 80% bereits erfüllt haben. Während die Beschaffungskosten der konventionellen Messgeräte mit durchschnittlich CHF 170 beziffert wurden, betragen diese Kosten beim Smart Meter durchschnittlich CHF 199. Beim Eigenverbrauch wurde eine durchschnittliche Eigenverbrauchsquote von 36% ermittelt. Inwiefern diese erhobenen Daten bereits valide sind, wird das BFE in den kommenden Monaten prüfen müssen. In Bezug auf die Zukunft der Verteilnetze wies Benahmed auf die Mehrbelastung der Netze durch den massiven Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energien sowie durch die stärkere Elektrifizierung infolge der Dekarbonisierung hin. Diese beiden Megatrends bedingen aus seiner Sicht intelligente Lösungen, für welche die Branche gefordert ist.

Adrian Häsler, Head of Grid Infrastructure bei der Swissgrid AG,
 stellte die Umsetzung der Strategie Stromnetze aus Sicht der Übertragungsnetzbetreiberin dar. Dabei wurde deutlich, dass die Realisierung des strategischen Netzes 2025 aufgrund zahlreicher Einsprachen und trotz den Vereinfachungen aus der Strategie Stromnetz (noch) nicht auf Kurs ist. Während vier Teilprojekte aktuell effektiv im Bau sind, ist insbesondere das Projekt Bassecourt – Mühleberg aktuell vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig. Drei weitere Projekte, darunter auch die Leitung Chippis – Mörel, befinden sich aktuell im Plangenehmigungsverfahren. Mit den Massnahmen aus der Strategie Stromnetze erhofft sich Häsler konkrete Verfahrensbeschleunigungen sowie klare Vorgaben durch die Szenarioplanung des Bundes, welche der Bundesrat im 2021 verabschieden sollte. Letzteres stellt dann die Grundlage für das «Strategische Netz 203x» dar, zu dessen Ausarbeitung die Vorbereitungsarbeiten bereits gestartet sind. Trotz aller Massnahmen, werden diese Projekte nur mit einer gesellschaftlichen Akzeptanz vernünftig realisiert werden können. Dies setzt eine offene und transparente Kommunikation sowie die Ansprache der Hauptprobleme Gesundheitsrisiken, Landschaftseingriff und Lärm voraus.

Markus Bill, Fachspezialist Sektion Preise und Tarife des Fachsekretariats der ElCom, präsentierte in seinem Referat die Sicht des Fachsekretariats der ElCom in Bezug auf den Umgang mit Messkosten. Dabei stellte er klar, dass die Kosten aus Lastgangmessungen mit Fernauslesung seit dem 1. Juni 2019 nicht mehr separat verrechnet werden dürfen, allfällige Abrechnungen zurückerstattet bzw. die fehlende Kostendeckung über die Deckungsdifferenzen 2019 wieder ausgeglichen werden müssen. Weiter verwies Bill auf die Beurteilung der ElCom in Bezug auf Eigenverbrauchsgemeinschaften. Das «vereinfachte Praxismodell» beurteilt die Behörde dabei in der bisherigen Form nicht als zulässig, da der Mieter nicht zugestimmt hat und die Abrechnung nicht korrekt erfolgte. Inwiefern sich mit diesen Korrekturen dann ein solches Praxismodell noch sinnvoll realisieren lässt, blieb dabei offen. Letztlich hat Bill im Kontext des Smart Meter Rollouts festgehalten, dass in der neuen Kostenrechnungsposition 510 sämtliche Kosten von Smart Metern, auch jene welche gemäss den Übergangsbestimmungen bereits installiert wurden und noch nicht vollständig konform mit Art. 8a und 8b StromVV sind, deklariert werden sollen.
 
André Rast, Programmleiter Smart Meter Rollout der CKW AG, stellte den Anwesenden die Rollout-Strategie und die Smart Metering Lösung von CKW vor. Ziel der CKW ist es den Rollout vor 2024 im Kontext der erwarteten Marktöffnung abgeschlossen zu haben. Dabei hat sich das Unternehmen für die RF-Mesh als Basis- und NB-IOT als Ergänzungstechnologie entschieden. Die Ausschreibungen der Dienstleister und der Systeme sind aktuell am Laufen und sollen bis Ende Jahr abgeschlossen werden. Der Rollout der 170'000 Zähler soll im Q3 2020 starten, wobei pro Woche mit einem Rollout von rund 1'000 Zählern gerechnet wird. Während die Logistik und die Zählermontage ausgelagert werden, erfolgt die Installation der Kommunikationslösungen sowie die systemseitigen Integrationsarbeiten durch die Spezialisten der CKW selbst. Aus Sicht von Rast tun die Verteilnetzbetreiber gut daran, das Rollout-Projekt in Bezug auf die Definition der «richtigen» Strategie, die Logistik, die Anforderungen an die Organisation sowie bezüglich des Zeitbedarfs nicht zu unterschätzen.



Im anschliessenden World-Café hatten die Anwesenden Gelegenheit mit allen vier obenstehenden Referenten, im Fall der ElCom noch zusätzlich mit Dr. Barbara Wyss, Leiterin Sektion Preise und Tarife, die Themen ihrer Referate zu vertiefen und zu erweitern. Es entstanden angeregte Frage- und Antwortrunden, Diskussionen und ein guter Erfahrungsaustausch zu entsprechenden Umsetzungsfragen. Alle Anwesenden haben diese Chance für einen informellen Austausch aktiv genutzt.


Dr. Marina González Vayá
, Leiterin Entwicklung Smart Solutions der EKZ, zeigte den Einsatz und die Wirtschaftlichkeit von Batteriespeichern im Verteilnetz am Beispiel der beiden EKZ Grossspeicher in Dietikon und Volketswil. Dabei wurde der Batteriespeicher in Dietikon als erstes Nicht-Wasserkraftwerk in der Schweiz für Primärregelung von Swissgrid präqualifiziert. Während die Erlöse am Regelenergiemarkt aufgrund von Angebot und Nachfrage
in Europa tendenziell sinken, werden die Batterien im Verteilnetz erfolgreich für das Lastspitzenmanagement und zur Reduktion von Blindleistung eingesetzt. Die Wirtschaftlichkeit des Speichers wird dadurch ermöglicht, so González,dass dessen Einsatz für alle Anwendungsfälle optimiert wird. Ohne Kombination aus Anwendungen ist die Wirtschaftlichkeit bei Projekten < 10 MW heute in der Regel nicht gegeben. Generell hängt die Wirtschaftlichkeit von Batteriespeichern von mehreren Rahmenbedingungen, deren Dimensionierung und deren Optimierung ab.

Yves Wyman, Head Operations Digital Energy Solutions Switzerland der Alpiq Digital AG, präsentierte aktuelle Ergebnisse aus dem D-A-CH Projekt «Poweralliance». Mittels der Einführung und dem Angebot (bzw. der differenzierten Bepreisung) von bedingten und unbedingten Kapazitäten
beim Endkunden, soll eine Kapazitätsverdopplung durch Fahrplanmanagement realisiert werden können. Ein entsprechender Tarif soll Anreize beim Kunden schaffen, so dass dieser bereit ist bedingte Lasten zu buchen (Leistungsband), welche der Netzbetreiber im Falle eines Netzengpasses sperren und damit zeitlich verschieben kann. Voraussetzung für ein solches System ist ein regulatorischer Rahmen, der ein solches Pricing ermöglicht, ein automatisiertes Energiemanagement beim Kunden sowie ein Monitoring seitens VNB, damit kein aktiver Eingriff notwendig wird.

Frank Boller, Verwaltungsratspräsident der e-sy AG, stellte mit e-sy die junge Kooperationsgesellschaft von Verteilnetzbetreiber im Aargau vor. Diese umfasst aktuell 22 Verteilnetzbetreiber als Aktionäre mit gemeinsam rund 200'000 Messpunkten. Ziele von e-sy sind insbesondere die Bündelung von ICT Kompetenzen und Ressourcen sowie das Erzielen finanzieller Skaleneffekte beim Smart Metering. Diese Ziele können gemäss Boller bei derart vielen Partnern nur über einen Bezugszwang, eine hohe Standardisierung und eine klare Abgrenzung der Wertschöpfung von e-sy und derjenigen der einzelnen Partner erreicht werden. Während die
Mitarbeit aller Partner in Form von Arbeitsgruppen ausdrücklich gewünscht sei, ist die Mitsprache und Governance klar geregelt. Dieses Modell scheint aus Sicht der Verteilnetzbetreiber attraktiv zu sein, so laufen aktuell Verhandlungen mit weiteren 13 – 15 Partnern für deren Aufnahme und die Ausweitung der Kooperation auf bis zu 500'000 Messpunkte. Die eigentliche Ausschreibung der Smart Meter soll nach Abschluss der laufenden Präqualifikation ab Januar 2020 erfolgen.

Adrian Inauen, Mitglied der Geschäftsleitung der SN Energie AG, illustrierte am Beispiel des Projekts «Zielnetz Bodensee», wie eine erfolgreiche vertragliche Kooperation unter Verteilnetzbetreiber funktionieren kann. In diesem Projekt haben sich SAK, EKT, sgsw, Axpo und SN Energie auf eine gemeinsame Zielnetzplanung im Raum Bodensee geeinigt und dabei u.a. vereinbart die bestehenden 7 Unterwerke mit teilweise sehr tiefer Auslastung bis 2032 auf noch 4
Unterwerke zu reduzieren. Voraussetzungen dafür waren neben der technischen Machbarkeit auch kommerzielle und juristische Lösungen, ein klarer Wille aller Parteien eine einvernehmliche Lösung zu finden und letztlich positive Entscheide aller involvierten Gremien. Aus Sicht von Inauen, ist das «Zielnetz Bodensee» ein Beispiel, wie eine Kooperationslösung auf vertraglicher Ebene ohne Verlust von Eigentumsrechten realisierbar ist. Ein «Zusammenschluss» der betroffenen Netzteile wäre demgegenüber nicht umsetzbar gewesen.

In der abschliessenden Podiumsdiskussion diskutierten Dr. Mohamed Benahmed, Frank Boller, Adrian Inauen und Felix Vontobel, Strategische Projekte und Mandate, Repower AG, wann, wo, wie Kooperationen für Netzbetreiber Sinn machen.


Die Diskussion zeigte schnell, dass Kooperationen für Netzbetreiber schon heute Sinn machen, auch wenn die finanziellen Anreize infolge der heutigen Regulierung (noch) fehlen. Einerseits steht die Kosteneffizienz, nicht zuletzt auch im Kontext der Sunshine-Regulierung und dem «Damoklesschwert» einer späteren Anreizregulierung, mehr als früher auf der Agenda der Unternehmen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass diejenigen Netzbetreiber, welche zulange mit sich selbst beschäftigt sind und keine Kooperationslösungen suchen, rasch ins Hintertreffen geraten und dann nicht mehr genügend schnell reagieren können. Gerade das Beispiel «Zielnetz Bodensee» zeigt dabei schön, wie lange Zyklen für die Realisierung nachhaltiger Effizienzsteigerungen notwendig sein können. Unabhängig von den Motiven und den technischen, juristischen und finanziellen Lösungen braucht es aber, darin war man sich ebenfalls einig, Personen mit Visionen, welche den Mut haben diese aktiv anzugehen. Ob dies bei kleineren oder grösseren Netzbetreibern der Fall ist, spielt dabei aus Sicht der Teilnehmer keine grosse Rolle. Eine kritische Grösse gibt es per se nicht, dies hängt viel eher vom Geschäftsmodell ab. Insofern kann ein kleiner, effizienter Netzbetreiber genauso bestehen bleiben, wie grosse, integrierte Lösungsanbieter. Um Kooperationen, in welcher Art auch immer, kommt kein Akteur herum. Diejenigen Bereiche, wo Kooperationen am meisten Sinn machen, sind aus Sicht des Podiums jene, welche im Wettbewerb stehen oder hohe Anforderungen im Kontext der Digitalisierung mit sich bringen. Zum Schluss der Diskussion durften sich alle Teilnehmenden etwas für ihre jeweiligen Kooperationen wünschen. Während sich die Branchenvertreter vor allem eine erfolgreiche Zusammenarbeit und die entsprechend hohe Zielerreichung wünschten, wünschte sich Mohamed Benahmed aus Sicht des Bundes vor allem mehr Bereitschaft für innovative Lösungen im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips. Löst die Branche gewisse Themen nicht selbst und wartet zulange, so wird der Bund die Regulierungsdichte weiter erhöhen müssen. Insofern solle die Branche mit konkreten Lösungen vorangehen.

Diese Nachlese wurde vom Tagungsmoderator Dr. Markus Flatt, Partner, EVU Partners AG verfasst. Markus Flatt hat den hochkarätigen Beiträgen und Diskussionsrunden einen optimalen Rahmen gegeben. Nicht zuletzt die produktiven Diskussionen und das ausgezeichnete Networking sowie die sehr gute Stimmung aller Teilnehmenden und Referenten rundeten den Erfolg der Tagung ab.

Das nächste Verteilnetzforum findet am 18. November 2020 in Zürich statt. Informationen zu Agenda, Referenten und Anmeldung finden Sie unter www.verteilnetzforum.ch.

Montag, 18. November 2019

Netzbetreiber sollen Elektrifizierung nicht unterschätzen

Die Schweizer Netzbetreiber sollten sich mit einem möglichen Engpass auseinandersetzen. Dies sagte Mohamed Benahmed, Leiter Sektion Netze beim Bundesamt für Energie (BFE), bei einer Podiumsdiskussion während des Verteilnetzforums in Zürich. "Die Politik sieht: Die Dekarbonisierung wird zu einer verstärkten Elektrifizierung führen", so Benahmed. "Mehr Elektrifizierung heisst mehr Strom auf unseren Netzen. Das heisst, wir werden langsam an die Grenze der Netze kommen." Elektromobilität und Photovoltaikanlagen seien die Haupttreiber für die Netzplanung, aber man führe noch keinen Engpass. "Wenn man die Dekarbonisierung und das CO2-Gesetz berücksichtigt, könnte dieser Engpass schneller kommen, als wir uns denken", so Benahmed. "Ich glaube, das müsste man mitnehmen." Benahmed sagte auch, er habe am Verteilnetzforum das Gefühl bekommen, dass die Netze komfortabel ausgebaut seien. "Das bedeutet, es gibt keinen Anreiz in Richtung Zusammenarbeit respektive der gemeinsamen Entwicklung von Ideen."

Zuvor hatten sich die drei Branchenvertreter, die ebenfalls an der Diskussion teilnahmen, skeptisch gezeigt, was Kooperationen mit anderen Netzbetreibern anbelangt. "Aufgrund der Eigenschaften der Netze ist eine Fusion sehr schwierig", sagte etwa Adrian Inauen, Mitglied der Geschäftsleitung der SN Energie AG. "Ich kann mir vorstellen, dass auf Vertriebsseite Fusionen eher möglich sind. Aber der Schweizer gibt einfach nicht gerne Eigentum ab." Ähnlich äusserte sich Felix Vontobel, Strategische Projekte und Mandate bei der Repower AG. "Die Netze sind schon sehr speziell", sagte er. "Häufig sind sie auch Instrumente der persönlichen Profilierung. Deshalb sind diese Diskussionen sehr schwierig. In der Produktion, wo ein Stück weit Markt herrscht, sind Kooperationen deutlich einfacher." Und Frank Boller, Präsident des Verwaltungsrates der E-sy AG, stellte fest: "Weitergehende Kooperationen sind in diesem Markt immer noch schwierig, speziell wenn es um die Infrastruktur geht. Ich erwarte nicht, dass es zu grossen Veränderungen kommen wird." Kooperationspotenzial gebe es womöglich dann, wenn der Leidensdruck gross sei oder in Bereichen, in denen mehr Wettbewerb bestehe, zum Beispiel auf der Serviceebene.
 
Netze sollen intelligenter werden

Vontobel erwähnte in diesem Zusammenhang die Produktion. Dort herrsche ein Stück weit Markt, und Kooperationen seien deutlich einfacher. Und Inauen sieht Potenzial in horizontalen Kooperationen: "Dort, wo es um Redundanz geht. Da scheint mir noch einiges möglich zu sein."

Inwieweit Netzbetreiber kooperieren sollen, dazu wollte sich Benahmed nicht äussern. Der Bund sei für die Rahmenbedingungen zuständig, nicht für die Struktur der Branche. Allerdings äusserte Benahmed einen Wunsch, was die Ausgestaltung der Netze angeht: "Wir wünschen uns, dass intelligente Komponenten im Netz integriert werden, obwohl das schwierig ist, und dass das subsidiär geschieht", sagte er. "Sonst besteht die Gefahr, dass die Politik eingreift und zusätzliche Regulierungen bringt, um damit die Intelligenz in den Netzen zu forcieren. Das will die Branche ganz sicher nicht."



(Michel Sutter, Redakteur, energate)

Verteilnetzforum: Fehlende Akzeptanz und lange Verfahren sind eine Herausforderung

Am diesjährigen Verteilnetzforum in Zürich waren neben der Strategie für künftige Stromnetze und der Netzoptimierung auch die Verzögerungen beim Netzausbau ein grosses Thema. So legte Adrian Häsler, Head of Grid Infrastructure bei Swissgrid, dar, dass der Bau vieler neuer Leitungen von Einsprachen gebremst werde. Diese, so Häsler, könnten Bauprojekte auch kurz vor deren geplanten Umsetzung noch verzögern. Entscheiden müsse in solchen Fällen nicht selten das Bundesverwaltungsgericht. Manche Einsprachen würden auch bis ans Bundesgericht weitergezogen, was dann eine jahrelange Wartezeit mit sich bringe. "Es gibt immer jemanden, der den Netzausbau nicht toll findet", sagte Häsler.

Als einen der Hauptgründe für die Opposition gegen neue Leitungen nannte er Bedenken bezüglich der Auswirkungen auf die Gesundheit, aber auch auf die Natur. "Fehlende Akzeptanz und lange Verfahren sind für uns definitiv eine grosse Herausforderung", so Häsler. Zudem würden viele Meinungen unabhängig vom individuellen Projekt gefällt. Deshalb sei es wichtig, den Dialog mit allen Beteiligten schon zu suchen, bevor man ein konkretes Projekt in die Wege leite. "Eine offene und transparente Kommunikation ist zentral", so Häslers Schlussfolgerung. Man müsse dabei die wirtschaftlichste Lösung finden und gleichzeitig die Anliegen in Bezug auf die Umwelt berücksichtigen. Klar sei, dass Infrastrukturprojekte Zeit bräuchten.
 
Engpässe bei Übertragungsnetzen

Bis zum Jahr 2025 will Swissgrid rund 2,5 Mrd. Franken in den Netzausbau investieren. Die Gründe für den Ausbau sind nach Angaben der Übertragungsnetzbetreiberin unter anderem die Inbetriebnahme neuer Grosskraftwerke, aber auch die Versorgung nachgelagerter Netze und der internationale Verbund. Handlungsbedarf besteht laut Häsler vor allem in einigen Regionen, wo es  bereits jetzt Engpässe im Übertragungsnetz gebe. Dazu zählt unter anderem das Unterwallis.










 
 
 


Der Meinung, dass man bezüglich neuer Projekte offen und transparent kommunizieren sollte, stimmte auch André Rast zu. Der Programmleiter Smart-Meter-Rollout bei der CKW wickelt den Austausch von rund 170.000 Zählern in den nächsten Jahren ab. Diese werden allesamt durch Smart Meter ersetzt, von denen heute rund 15.000 in Betrieb seien. Das Ziel sei, den Smart-Meter-Rollout bis 2024 abzuschliessen. Pro Woche, so Rast, würden rund 1.000 Zähler ersetzt. Umso wichtiger sei die Einbeziehung der Kunden in das Vorhaben, die neuen Zähler zu installieren. "Wir schreiben unsere Kunden an und informieren sie, dass sie einen Smart Meter mit Funktechnologie bekommen werden", sagte er. Bisher habe es kaum Opposition gegen die neuen Zähler gegeben.

(Michel Sutter, Redakteur, energate)

Donnerstag, 12. September 2019

Nachlese Vertriebsleitertagung Energie 2019

An der fünften Jahrestagung trafen sich Energiefachleute und Experten aus dem Bereich Vertrieb, um die Themen Liberalisierung, Vertriebsstrategien, Kooperationen und Digitale Plattformen zu diskutieren.

Der erste Tag der Vertriebsleitertagung widmete sich dem Spannungsfeld von freiem Markt, Regulierung, Vertrieb und Netz. Eingeleitet wurde mit einer spannenden Keynote von Prof. Dr. Peter Hettich (HSG). Er berichtete über die Entwicklung der Rahmenbedingungen im Energiesektor. So wurde deutlich, dass sich nicht nur beim Stromabkommen beide Seiten bewegen müssen. Er sagte, die Schweiz kenne kein Subventions- und Beihilferecht. Eine Umsetzung missachte sie seit 1972. Auch müsse die Sicherung der Grundversorgung im freien Markt immer gewährleistet sein, so Hettich. Dies sei der wichtigste Diskussionspunkt bei einer Marktöffnung.


Anschliessend erklärte Dr. Matthias Galus (BFE), was die «Strategie Digitale Schweiz» für die Energiewirtschaft bedeutet und gab tiefere Einblicke in das Dialogpapier «Digitalisierung im Energiesektor». Er appellierte für eine schnellere und breitere Umsetzung von Digitalisierungsinitiativen. Heute sei die Schweiz zwar führend in Forschung & Entwicklung bei Digitalisierung, aber es bestehe Aufholbedarf bei der Umsetzung und dem «Export». Georg Meier (Energie Zukunft Schweiz) setzte hier an und gab einen aufschlussreichen Einblick in die Welt der Energiemanagement Systeme und was mit deren Einsatz heute schon möglich ist.

Themenverwandt berichtete danach Hans-Joachim Demmel (BKW) aus der Praxis beim Vertrieb von Energiedienstleistungen. Dabei wurde deutlich, dass sich Privatkunden mittlerweile sehr stark für Kima, Umwelt und Energiesparen interessieren, dies jedoch ein kleinteiliges und dünnmargiges Geschäft sei. Am nahesten läge der Einstieg in die Kundenbeziehung mittels PV und werde sich mit der Verknüpfung von Wärmeversorgung, Elektromobilität sowie Hochbau fortsetzen. Jan Lengerke (Greencom Networks) zeigte anschliessend auf, wie die Energiewirtschaft mit «Decentral Energy Resources Management» bereits heute und vor allem in der Zukunft Wert schöpfen kann.


Am Nachmittag wurden die Themen noch konkreter Richtung Vertriebsstrategien, Positionierung und Branding (nicht nur) für die Marktöffnung vertieft. Eingeleitet hat dazu Thomas Städeli (Wirz) mit interessanten Einblicken zu «Marken im Strommarkt». So zeigte er auf, dass nur etwa die Hälfte der Kunden überhaupt wissen, wer ihr Stromanbieter ist und wieso das so ist. Er schlug dann die Brücke zur Bedeutung von Marken im Zusammenhang mit der Strommarktliberalisierung. Diese solle sich um die Festlegung in den Themenfeldern Strom vs. Energie sowie Heimmarkt vs. Ganze Schweiz drehen. Abgerundet hat das Themenspektrum Bernhard Signer (Repower), der eine informative Übersicht zur Geschichte der Repower, den Veränderungen im Markt und daraus abgeleiteten Erkenntnisse , Massnahmen und Resultaten gab.

Das Thema «Strategien für die (Nicht-)Marktöffnung» wurde auf dem Podium diskutiert. Die Vertreter Hans-Jörg Aebli (EKZ), Jan Flückiger (Swisspower) und Bernhard Signer (Repower) mit Moderation durch Jens Bartenschlager (Fidectus) diskutierten ihre Ansätze und Erfahrungen zur Marktöffnung bei so vielen Jahren der Verzögerung. Man müsse in jedem fall auf die Marktöffnung vorbereitet sein. Abschliessend fragte der Moderator Jens Bartenschlager die Podiumsgäste, ob denn die Marktöffnung für Strom oder Gas zuerst umgesetzt werden würde? Die Meinungen gingen hierbei auseinander. "Keines von beiden", sagte Aebli. Flückiger glaubt wiederum, die Teilmarktöffnung beim Gas komme zuerst. Und Signer erwiderte: «Ich glaube, beides zusammen.»

Der Zweite Tag beleuchtete die Zusammenarbeit in Form von Kooperationen und Experten teilten ihre Erfahrungen mit digitalen Plattformen.
Jens Bartenschlager (Fidectus) erläuterte das Fundament von Kooperationen und zeigte das Spannungsfeld zwischen Partnerschaft und Konkurrenz auf. Nicht zuletzt werden aktuell Kooperationen für den Erhalt der Selbständigkeit und ebenso für die Einführung von Standards (zu gemeinsamen und konkurrierenden Marktaktivitäten) eingegangen.  

Samuel Bontadelli (Repower) gab mit seiner offenen und zum Teil selbstkritischen Analyse „seiner“ Kooperation mit Tiko (Swisscom) ein eindrückliches Beispiel einer branchenfremden Zusammenarbeit. Insbesondere die gemeinsam definierten Ziele sowie die Komplementarität der Kompetenzen funktionierten in der ersten Phase hervorragend. In diesem Frühjahr kam Engie als neuer Hauptaktionär mit der nötigen internationalen Vertriebspower dazu. Cédric Chistmann (Primeo Energie) strebt mit der enersuisse als Joint Venture der drei Partner EKZ, Romande Energie und Primeo Energie, die Kostenführerschaft im Verrechnungsprozess an. Die Gründergesellschafter haben grosse Ambitionen für weiteres Wachstum und sind offen für neue Partner im zunehmend kompetitiven Markt der Verrechnung.  Der grosse Zukunftstrend der Kooperationen im Energiesektor wurde auf dem Podium weiter analysiert.
eindrückliches Beispiel für eine  Zusammenarbeit mit einem branchenfremden Partner (Swisscom). Insbesondere die gemeinsam definierten Ziele sowie die Komplementarität der Kompetenzen funktionierte in der ersten Phase hervorragend. In diesem Frühjahr kam Engie als neuer Hauptaktionär mit der nötigen internationalen Vertriebspower dazu.

Die Vertreter Cédric Christmann (Primeo Energie), Clemens Hagg (Helion), Jean-Marc Schreiber (SWiBi), Nicolas Thévoz (cc energie) mit Moderation durch Georg Meier (Energie Zukunft Schweiz), diskutierten ihre strategischen Ansätze, Alternativen, Treiber und Notwendigkeiten von Partnerschaften in der Energiezukunft. „Coopetition“, die Zusammenarbeit zwischen Wettbewerbern in einzelnen Bereichen, wird im reifer werdenden Markt künftig zur Normalität.

Den Nachmittag prägten wie immer die Startups mit Praxisbeispielen: Pascal Kienast (CLEMAP) liefert mit seinen Produkten eine Lastaufschlüsselung («NILM») für neue Geschäftsmodelle wie z.B. detaillierte Analysen für (digitale) Energieberatung, Transparenz in Stromverbrauch und -Kosten einzelner Geräte und somit einen wertvollen Beitrag zur Energieeffizienz. Jan Marckhoff (BEN Energy) lieferte das zweite Beispiel für die «Erlebbarmachung» von Energie und beschäftigt sich mit Smart Meter Analytics durch maschinelles Lernen. Den Anwendungsfällen sind kaum Grenzen gesetzt. So können im Verteilnetz frühzeitig Defekte erkannt, Verbraucher identifiziert oder Kunden profiliert und segmentiert werden. Letzteres natürlich mit dem expliziten Einverständnis der Kunden vorausgesetzt. Abgerundet wurde die Jahrestagung durch Gerrit Hellwig (DEC) mit der Aufforderung durch digitalisierte neue Ansätze selber in neue Branchen zu expandieren und Disruption als Chance aktiv voranzutreiben.

Die Vertriebsleitertagung 2019 lieferte einen tiefen Einblick in die sich verändernde Energiewirtschaft der Schweiz. Die vorgestellten Handlungsoptionen stellen dabei eine hervorragende Inspirationsquelle für neue, nachhaltige Geschäftsmodelle dar, um sich im zukünftigen Energiemarkt zu behaupten. Die Moderation von Dr. Jens Bartenschlager und Georg Meier hat den hochkarätigen Beiträgen und Diskussionsrunden einen optimalen Rahmen gegeben. Nicht zuletzt die produktiven Diskussionen und das ausgezeichnete Networking sowie die sehr gute Stimmung aller Teilnehmenden und Referenten rundeten den Erfolg der Tagung ab.

Freitag, 6. September 2019

Die Hoffnung auf die Strommarktliberalisierung ist klein


















An der diesjährigen Vertriebsleitertagung Energie vom 3. und 4. September war auch die Strommarktöffnung ein Thema. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion zeigten sich jedoch skeptisch, dass der Schweizer Strommarkt schon bald liberalisiert wird.

"Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte Hans-Jörg Aebli, Leiter Produkte und Dienstleistungen bei EKZ, in seinem Anfangsvotum und lächelte. Die Hoffnung ist zwar auch bei Jan Flückiger, Leiter Public Affairs und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Swisspower AG, noch da, aber in gedämpfter Form. "Wir brauchen eine Vorlaufzeit für die Marktöffnung", sagte er. "Aber da wäre ja auch noch die Frage des Strommarktdesigns." Diese sei noch nicht geklärt. Unklar sei auch, wie man es schaffe, Investoren für die Erneuerbaren zu finden.

Bernhard Signer, Leiter Vertrieb bei der Repower AG, bemängelte, dass die Liberalisierung immer wieder hinausgezögert worden sei. "Man sagt, die Marktöffnung komme jetzt plus in drei Jahren", sagte er. "Aber diese Formel gilt seit 2004." Auf die Frage, ob der Föderalismus möglicherweise zur Verzögerung beigetragen habe, antworte Signer mit einem klaren Ja.  Das sieht auch Flückiger so. "Es gibt Hunderte Verteilnetzbetreiber in der Schweiz, und alle haben einen gewissen Einfluss", sagte er. "Wenn der Lokalfürst sagt, Liberalisierung sei schlecht, hören viele auf ihn." Flückiger stellte auch eine gewisse Müdigkeit in der Branche fest: "Viele sind des Themas überdrüssig geworden."
 
Versorgungssicherheit versus Liberalisierung

Dass es nicht vorwärts geht, hat für die Podiumsgäste aber auch noch andere Gründe. Die Marktöffnung bringe bedeutende Herausforderungen bezüglich des Netzes mit sich, sagte Aebli. Da wäre einerseits der Mangel an Fachleuten wie Elektrotechnikern, andererseits aber auch die Frage nach der Versorgungssicherheit. "Wir machen uns wegen der Marktöffnung Sorgen, weil da viele Fallstricke drin sind, die auf den Ruf der Werke Einfluss haben könnten", so Aebli. Die Politik befinde sich in einer Zwickmühle: Versorgungssicherheit versus Liberalisierung. Auch Flückiger sieht einen Zielkonflikt zwischen der Versorgungssicherheit, den energiepolitischen und den wirtschaftlichen Zielen.

"Es ist für die Politik schwierig, mit der Erwartungshaltung der Menschen umzugehen", sagte er. Erschwerend komme hinzu, dass die nationale Politik Ziele gesetzt habe, diese aber von den Kantonen und den Städten umgesetzt würden. Und Signer stellte fest, dass beim Thema Liberalisierung eine gewisse Zurückhaltung zu spüren sei. Signer fragte zudem, warum man eigentlich nicht die Bevölkerung über eine Liberalisierung abstimmen liess. Flückiger stellte dieselbe Frage und mutmasste, der Bundesrat habe Angst vor einer solchen Abstimmung.


Zum Schluss wurden die Diskussionsteilnehmer noch gefragt, was denn zuerst umgesetzt würde: die Marktöffnung für Strom oder von Gas? Und da gingen die Meinungen deutlich auseinander. "Keines von beiden", sagte Aebli. Flückiger glaubt wiederum, die Teilmarktöffnung beim Gas komme zuerst. Und Signer erwiderte: "Ich glaube, beides zusammen."


(Michel Sutter, Redakteur, energate)